Ein Tag auf der „Bimmel“: Aus dem Alltag eines Straßenbahnfahrers

So sieht ein Tag im Leben eines Straßenbahnfahrers aus.

Einen Tag lang konnte ich einem Kollegen bei der Arbeit über die Schulter schauen, denn als Lehrfahrer darf ich angehende Straßenbahnfahrerinnen und -fahrer bei ihren ersten Fahrten mit Fahrgästen begleiten. Mehr Hintergründe zu diesen sogenannten „Lehrfahrten“ hatte ich euch hier schon mal aufgeschrieben. Heute will ich euch aber einen Einblick geben, wie der Arbeitsalltag eines Straßenbahnfahrers aussieht.

Dienstvorbereitung auf dem Betriebshof

Der Arbeitstag begann pünktlich um 6:21 Uhr auf dem Betriebshof in Westerhüsen. Der Tag ist noch frisch und trotzdem ist die große Wagenhalle fast leer, denn die meisten Bahnen sind schon seit dem Betriebsbeginn gegen halb vier Uhr morgens im Streckennetz unterwegs. Wir haben also eher einen „späten“ Frühdienst zugeteilt bekommen. Für Menschen in anderen Branchen wäre Dienstbeginn kurz vor halb 7 aber immer noch eine Uhrzeit jenseits von Gut und Böse 😉

Der erste Gang führt am Morgen jedoch nicht zur Straßenbahn, sondern in ein Büro im Depot: Das der Betriebshofwarte. Hier Arbeiten die Kolleginnen und Kollegen rund um die Uhr und planen die Einsätze der einzelnen Fahrzeuge auf dem Betriebshof. Dabei haben sie auch immer den Überblick, welche Bahn zur Durchsicht soll, welche Fahrzeuge auf welcher Linie fahren und natürlich wo sie auf dem Betriebshof abgestellt sind. Das ist übrigens jeden Tag anders. Ein Zug fährt also nicht immer auf der selben Linie.
„Gleis 7, gleich vorn an, die 1337!“ erhielten wir als Information vom Betriebshofwart, zusammen mit den Fahrplanunterlagen und dem Wagenbegleitschein.
Erstere dienen als zeitliche Orientierung, denn darauf sind alle Abfahrten von den Endstellen aufgelistet. Hilfreich, falls der Bordrechner eine Störung hat und keine Zeiten anzeigen sollte. Zweiteres ist eine Art Notizzettel, auf dem sich jeder Fahrer und jede Fahrerin einträgt, die das Fahrzeug fahren. Auf diesem Schein werden Wagenmägel, Störungen und Schäden notiert. Beide Unterlagen verbleiben auf dem Fahrzeug, bis dieses am Ende des Betriebstages wieder in das Depot zurückkehrt.

Zugkontrolle vor der Abfahrt

Am Zug angekommen, führen wir zunächst eine Funktionskontrolle durch. Bremssandvorrat, Beleuchtung, Türen und Beschilderung der Zielanzeigen passierten die wachsamen Blicke meines Kollegen. Mängel gab es keine und so ging es kurze Zeit später „auf Strecke“. Zur vorgegebenen Abfahrtszeit verließen wir die große Halle und fuhren zur ersten Endstelle. In diesem Fall ein kurzer Weg, denn wir starteten als Linie 2 an der Endstelle in Westerhüsen.

Immer der Linie 2 entlang

In den folgenden 45 Minuten empfingen wir unsere Fahrgäste und fuhren vorbei an den Industrieanlagen im Süden, durch den neu gestalteten Abschnitt zwischen dem Thiemplatz und dem Gesellschaftshaus in Buckau, über den Hasselbachplatz und durch den Nordabschnitt des Breiten Weg in der Innenstadt, über den Campus der Universität, bis schließlich hinter dem Siemens-Gymnasium  die Endstelle in der Alten Neustadt erreicht war. Kaffeegeruch strömte hier in den Wagen – die Nähe zur Kaffeefabrik von Röstfein war mit der Nase erlebbar.
Doch eine Pause gab es für uns Straßenbahnfahrer nicht: Nachdem der letzte Fahrgast den Wagen verlassen hatte, stand die obligatorische Kontrollrunde an. Wurden Gegenstände im Wagen vergessen? Liegt Grobmüll herum? Funktioniert noch alles? Muss der Bremssand nachgefüllt werden? Danach blieb noch ein wenig Zeit für den Gang zum WC und schon stand schon die Rückfahrt in Richtung Westerhüsen an.

Zeit vergeht wie im Flug, Pause aber auch

Knapp zwei Stunden nach unserer ersten Abfahrt standen wir wieder vor dem Betriebshof Südost. Diesmal mit deutlich mehr Zeit in der Wendeschleife, sodass nach der Runde durch den Wagen auch Gelegenheit blieb, etwas zu Essen. So verging die Zeit sehr schnell, denn durch die vielen Eindrücke, die man unterwegs sammelte, veränderte sich das Zeitgefühl deutlich. Zwei Runden auf der Linie 2 entsprachen knapp vier Stunden Arbeitszeit. Bei der MVB sind die Fahrdienste, so nennt man die Arbeitsschichten, in Blöcke gegliedert: Fahrdienst – Pause – Fahrdienst. So kommen die Fahrerinnen und Fahrer auch mal zum Abschalten, denn im Gegensatz zu früheren Zeiten verbringen sie in der Regel keinen ganzen Tag mehr auf dem Wagen. So wurden wir zum Mittag an der Haltestelle Leiterstraße von einem netten Kollegen abgelöst und übergaben unsere Straßenbahn ohne Mängel. Anschließend ging es zu Fuß in die Hauptverwaltung der MVB in der Otto-von-Guericke-Straße, denn dort gibt es einen großen Pausenraum für uns Mitarbeitende. Dieser wurde im letzten Jahr umfassend renoviert, sodass dort nun sogar gekocht werden kann. Wer aber mal abschalten möchte, kann auch das tun: In einem separatem Ruhebereich laden gemütliche Sessel zum relaxen ein.

Nach gut einer Stunde ging es für uns aber wieder los. Die nächste Fahrdienstschicht wartete auf uns..
Übrigens: Die MVB sucht laufend neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Fahrdienst – sowohl im Bus- als auch im Straßenbahnbereich. Informationen dazu findet ihr hier.

Bis zum nächsten Mal.
Euer Johannes

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