Ausbildungsende: Meine Lehrfahrten mit Fahrgästen

Die Fahrschule war mit meiner Prüfung geschafft, zumindest jener Teil, der sich um die formale Ausbildung dreht. Um aber Straßenbahnen mit Fahrgästen fahren zu können, bedarf es noch einer entscheidenden Komponente: einer dem „Personenbeförderungsschein“ angelehnten Erlaubnis, alleine Fahrgäste mit der Straßenbahn befördern zu können.

Um die Tauglichkeit für den Umgang mit Fahrgästen und das richtige Auftreten gegenüber unserern Kunden zu erwerben, werden innerhalb der MVB sogenannte „Lehrfahrten“ (nicht mit zwei „e“ ;)) absolviert. 15 an der Zahl sind vorgesehen. Fahranwärter, wie ich einer bin, übernehmen dabei in Begleitung eines erfahrenen Kollegen ganz normale Fahrdienste mit Fahrgästen. Die Lehrfahrer, das sind speziell geschulte Straßenbahnfahrerinnen und -fahrer, schauen uns Fahranwärtern während der Dienstzeit über die Schultern. Sie geben uns nicht nur Sicherheit bei unseren ersten Fahrten mit Fahrgästen, sondern auch wertvolle Tipps und Hinweise. Sie legen zudem ein besonderes Augenmerk auf die Einhaltung der Betriebsleiteranweisung, speziell den Kundendienst. Diese Betriebsleiteranweisung beinhaltet alle Verhaltensregeln innerhalb des Unternehmens, die einen Bezug zum Thema Straßenbahn haben. Angefangen bei den grundlegenden Dingen, wie Signalen, über Formelles, wie die Dienstbekleidung, bis hin zu Geschwindigkeiten, Vorfahrtsregeln unter Straßenbahnen und Verhalten in Notsituationen.

Alles, was man in der Fahrschule gelernt hat, darf man nun in der Realität des Fahrdienstes anwenden. Darüber hinaus muss man nun jedoch noch seine Fahrzeit im Blick behalten. Und die Fahrgäste. Und den Funk. Und vieles mehr.

Meine erste Lehrfahrt hatte ich ein paar Tage nach der Praxisprüfung. An einem sonnigen Dienstag sah mein Dienstplan einen Spätdienst für mich vor. Dienstbeginn 15:18 Uhr, Linie 5/3 DAM/DF stand ganz knapp im Dienstplanprogramm. DAM steht hier für Damaschkeplatz und DF nennt die Fahrtrichtung, in diesem Fall Diesdorf. Besonders verwundert war ich über die Linie. „5/3? Was soll das sein?“ dachte ich.
Das nennt man intern einen „Linienwechsler“. Der Straßenbahnzug kommt in der Wendescheife Diesdorf als Linie 5 an und wird dort automatisch zur Linie 3. Von dort geht es zum Klinikum Olvenstedt und zurück nach Diesdorf. Hier ändert sich die Linie abermals, zurück zur 5 und es geht weiter, zum Messegelände. Ich gebe zu, mich mit derlei Betrieblichem zuvor wenig befasst zu haben. So war dies der beste Einstand, den man nur haben konnte, bot es einem doch gleich etwas Esprit.

An besagtem Dienstagnachmittag stand ich also an der Haltestelle Damschkeplatz/ZOB in Richtung Diesdorf. Kurz vor Dienstbeginn kam auch mein Lehrfahrer Matthias zu mir. Wir wechselten ein paar Worte und dann ging es auch schon los. Unser Zug fuhr langsam aus der Baustelle am Damaschkeplatz in die Haltestelle. Der Kollege nahm seine Jacke, seinen Rucksack und seinen Schlüssel und kam aus der Fahrerkabine.
Er grüßte mich, und gab mir alle wichtigen Informationen mit auf den Weg. Fast wie ich es in der Theorie gelernt hatte. Aber eben nur fast. Was nämlich im Lehrbuch etliche Stichpunkte zum Thema „Ablösegespräch“ beinhaltet, ist in der Praxis oft nur ein knapper Satz: „Die Strecke ist frei, Fahrzeug in Ordnung. Sand habe ich noch mal gefüllt. Ruhigen Dienst!“. Mit eben diesem Satz war es dann auch schon an mir, die Fahrgäste weiterzubringen. Puh, war ich aufgeregt! Zuletzt fuhr ich den Fahrschulwagen, ohne Fahrgäste und nun einen gut besetzten NGT, der pünktlich war. Auf dem Display des Bordrechners stand „+0“. Diese Zahl sollte sich dann im Verlauf meines Dienstes noch deutlich nach oben verändern, aber der Reihe nach.

NGT 4. Generation

Ich stellte mir alles ein: den Sitz, die Spiegel und die Rückenlehne. Türfreigabe löschen, Sollwertgeber nach vorn und los! Die ersten „richtigen“ Meter auf der Strecke. Bis zur Haltestelle Arndtstraße hatte ich dann allerdings schon eine Minute Verspätung, denn ich versuchte, so sacht, wie möglich zu fahren. Das hatte zur Folge, dass ich an jeder Haltestelle etwas mehr Verspätung anhäufte. Irritiert war ich am Anfang auch vom lauten Piepen, wenn ein Fahrgast den „Halt“ Taster drückt. Dieses Geräusch gab es ja im Fahrschulwagen, in Ermangelung von Fahrgästen, nicht. Neu war es für mich ebenso, wenn sich die erste Tür öffnete. Da sie direkt an die Fahrerkabine reicht, ist das recht laut und am Anfang doch gewöhnungsbedürftig.

Die Zeit verging wie im Flug und ich war stetig damit beschäftigt, alles im Griff zu behalten.

So war es dann auch wenig verwunderlich, dass meine erste Runde auf der „5“ mit sagenhaften neun Minuten Verspätung am Messegelände endete. Ziemlich anstrengend, fand ich. Da die Wendezeit, also die Zeit zwischen Ankunft und Abfahrt an der Endstelle, im Messegelände 12 Minuten beträgt, blieben also noch drei Minuten übrig. Gerade so viel, um schnell auf das WC zu gehen. Man weiß schließlich nie, was einen erwartet.

Als ein paar Stunden vergangen waren, hatte ich mich langsam an all die neuen Eindrücke gewöhnt. Das Gefühl für das Fahrverhalten der Staßenbahn war da, die Streckenkenntnis nahm zu und der Umgang mit den Fahrgästen nahm auch langsam Form an. So sauste die Zeit dahin und es nahte die erste Pause. Nach vier Stunden gab ich meinen Zug an den nächsten Kollegen ab und lief, gemeinsam mit meinem Lehrfahrer, zum Pausenraum. Dort hatte man Zeit zum durchatmen. Etwas essen, Nachrichten auf dem Smartphone lesen und ein paar Worte mit den anderen Kollegen wechseln.

Beschriftung der ersten Tür
Während der Ausbildungsfahrten ist die erste Tür tabu.

Meinen zweiten Teil des ersten Dienstes trat ich dann auf der Linie 1 an. Da in meinem Dienstplan der Betriebshof in Westerhüsen als End-Ort vermerkt war, wusste ich, dass ich diesen Zug ins Depot bringen würde. So drehten mein Lehrfahrer und ich noch zwei Runden auf der „1“, bevor es in Richtung Betriebshof ging. Den erreichten wir kurz vor Mitternacht, in einer Reihe stehend mit einigen anderen Straßenbahnen. Zum ersten Mal rief ich also beim Betriebshofwart an und ließ mir eine Abstellposition zuweisen, dann rückte ich mit meinem Zug ins Depot ein. Vorbei an der Werkstatthalle ging es in die große Abstellhalle, die bereits mit einigen anderen Fahrzeugen gefüllt war. Weiche für Weiche fuhr ich weiter in die Halle, bis ich schließlich „mein“ Zielgleis erreicht hatte. Nun kam der knifflige Teil: so dicht es geht, an den Überweg heran fahren. Die Überwege sind feste Routen in der Halle, die als Flucht- und Rettungsschneisen frei gehalten werden müssen. Um den Platz im Depot bestmöglich zu nutzen, muss also ganz dicht an diese Wege herangefahren werden. Dazu bedarf es etwas Geschick, was mir an diesem Tag leider fehlte. Mein Wagen kam einen Meter zu früh zum stehen. Zwei Versuche wagte ich noch, dichter heran zu fahren, beließ es dann jedoch dabei und gab mich mit einer kleinen Lücke zwischen Tram und Weg zufrieden.

Dann schaltete ich das Licht aus, stellte die Steuerung der Bahn auf „0“ und zog meinen Schlüssel aus dem Schloss ab. Jetzt noch schnell die Dienstunterlagen beim Betriebshofwart abgeben und dann war es geschafft. Feierabend um kurz nach Mitternacht. Mit der Nachtlinie N2 fuhr ich dann nach Hause und kroch, voll mit unzähligen Erlebnissen, in mein Bett.

Die folgenden vier Lehrfahrten absolvierte ich noch mit Matthias, bevor mir ein anderer Kollege zugeteilt wurde. Dies passiert aus dem Grund, dass wir Jungfahrer möglichst alle Schichtlagen kennenlernen können. Frühdienst, Mitteldienst, Spätdienst, Nachtdienst, Wochenenddienst – die Auswahl ist groß. So lernte ich meine Heimatstadt zu den unterschiedlichsten Zeiten kennen. Meine Lehrfahrer gaben mir immer viele gute Tipps, die einem den Dienst einfacher und das Arbeiten effizienter machen. Ein gutes Beispiel dafür ist, wo der Fahrplan Pufferzeit beinhaltet. Das ist Zeit, die zum auslgeichen von Verspätungen dient und an besonders gefährdeten Stellen als zusätzliche Fahrzeit hinterlegt ist. So ist es auch nicht so schlimm, sollte man einmal in einen Stau am Morgen geraten.

Insgesamt absolvierte ich 15 Lehrfahrten im Liniendienst. Jede Fahrt wurde dokumentiert und durch den Kollegen bewertet. Wirtschaftliches Fahren, kundenorientiertes Auftreten, Qualität der Funkgespräche mit der Leitstelle und Dienstvorbereitung sind nur einige von vielen Kriteren, die dabei berücksichtigt wurden.

Nach dem Abschluss der Lehrfahrten wartete das Abschlussgespräch auf mich.

Dieses Gespräch stellte dann den letzten Schritt meiner Ausbildung zum Straßenbahnfahrer dar. Unser Betriebsleiter Herr Fürste, einer der Teamleiter, die der direkte Ansprechpartner für alle Mitarbeiter im Fahrdienst sind, und ich saßen gemeinsam an einem Tisch in einem Büro im Hauptgebäude der MVB. Ein kleiner Stapel Dokumente lag, einsortiert in einer braunen Mappe, vor dem Betriebsleiter. Sorgsam sichtete er die Unterlagen und ging dabei die Bewertungen der vergangenen Dienste mit mir gemeinsam durch. Im Anschluss stellte er mir noch ein paar Fragen zum Thema Kundendienst, Streckenkenntnis und dem technischen Verständnis bei Störungen am Wagen. Jetzt war der Moment gekommen. Mit einer schwungvollen Unterschrift in meiner Fahrerakte war meine Berechtigung zum Fahren von Straßenbahnen mit Fahrgästen in Magdeburg erteilt. „Gratulation, Herr Lauf! Und allzeit gute Fahrt!“ sagte er noch und mir fiel in diesem Moment ein Stein vom Herzen! Ziel erreicht, denn jetzt, von diesem Moment an, war ich das, was ich sein wollte: Straßenbahnfahrer.

NGT unter Abendhimmel
Der Tag geht zu Ende, die Ausbildung auch. Ab jetzt allein unterwegs.

Die Ausbildung ist nun vorbei, dieses Blog aber wird weitergehen! Dann mit vielen Themen aus dem Dienstalltag und anderen Spannenden Geschichten aus dem Unternehmen.

Mein Dank für die starke Ausbildung geht an Detlef Strauchmann, Steven Rausch und Kristian Mielke!

Für die Unterstützung und Realisierung dieses Blogs möchte ich mich ganz besonders auch bei Ulf Kazubke, Bodo Satorius, Tim Stein und Janet Krieg bedanken.

Bei den Lehrfahrten mit viel Geduld und Engagement unterstützt haben mich Matthias, Daniela, David und Normen. Danke, dass ihr euer Wissen mit den Jungfahrern teilt und „uns“ dafür so viele Stunden stehend (!) unterstüzt.

Für die schöne Zeit während der Ausbildung geht mein Dank auch an die Kollegen Michael, Fabian, Tina, Thomas, Robert, Frank, André, Mario und Steve.

Und natürlich auch Danke Mario Gordziel! Ohne deine vielen Bilder auf Twitter und unzähligen Antworten auf meine Fragen hätte ich es vielleicht nicht bis zu einer Bewerbung gebracht.
Der wichtigste Dank gilt meiner Frau. Sie lässt mich bis spät in die Nacht meine Texte tippen und, sofern es die Kinder zulassen, dann auch länger Schlafen. Außerdem unterstützt sie mich jeden Tag und gibt mir Rückenwind für den Umstieg im Beruf, obwohl das nicht immer leicht mit dem Familienleben zu koordinieren ist.

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