300 Jahre Stadtteil Werder: 138 davon mit Bimmel

Am Wochenende wird die Erstbesiedelung der Magdeburger Stadtinsel Werder, gelegen zwischen der Strom-Elbe und der Alten Elbe, vor genau 300 Jahren mit einem Fest gefeiert. Auch die Linie 77 der IGNah ist im Einsatz. Die Akten des Stadtarchivs belegen, dass sich Konrad Schlüter am 16. Juli 1722 als erster auf dem Werder in Magdeburg niederließ. Mit der Straßenbahn gelangte er allerdings nicht auf den Werder, das war erst 162 Jahre später am 12. November 1884 möglich.

Grund genug, einmal genauer auf die Geschichte der Magdeburger Straßenbahn im Stadtteil Werder zu blicken.

Die Magdeburgische Zeitung berichtete, dass vormittags um 10 Uhr die Abnahme der »neuen Straßeneisenbahn-Linie Querstraße resp. Harsdorferstraße bis Ende Großer Werder resp. Friedrichstadt polizeilicherseits« stattfand. »Drei reich mit Guirlanden und Blumen geschmückte Wagen, in welchen sich die Vertreter der Behörden sowie die bei der Bahn finanziell Betheiligten befanden, fuhren die Strecken hin und zurück.« Die Begeisterung muss sehr groß gewesen sein, denn die ab 12 Uhr mittags angekündigte Aufnahme des Linienbetriebs verzögerte sich um einige Zeit.

Zur Orientierung: Die Querstraße ist die heutige Liebermannstraße, die Endstelle Harsdorfer Straße entspricht in ihrer Lage dem heutigen Olvenstedter Platz. In der Friedrichstadt endete die Pferdebahn am Heumarkt, auf dem Werder am »Odeum« in der Gartenstraße/Ecke Weidenstraße.

Die Belegschaft des Depots Wilhelmstadt traf sich hier 1905 zum Gruppenfoto

Die Pferdebahn von der Wilhelmstadt (heute Stadtfeld) zum Werder und in die Friedrichstadt (heute Brückfeld) kam erst auf massive Intervention der Bürgerinnen und Bürger zustande. Während von Sudenburg und Buckau die Pferdebahnen der »Magdeburger Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft« M.S.E.G. bereits seit 1877 über den Breiten Weg zur Neuen Neustadt fuhren und Rendite für die Aktionäre erwirtschafteten, hatte die Pferdebahngesellschaft kein Interesse an einer Ost-West-Linie. Sie befürchtete finanzielle Verluste.

Erst mit Volldampf, dann unter Strom

Englische Investoren hingegen witterten ein Geschäft. Im festen Glauben an eine gewinnbringende Investition wurde im Herbst 1884 die »Magdeburg Tramways Company Limited« M.T.C. in Warwick gegründet. Ihre im gleichen Jahr eröffneten Pferdebahnlinien konnte die »Trambahn« jedoch tatsächlich nicht rentabel betreiben, erst die Dampfbahn, die seit 1886 vom Heumarkt in den Herrenkrug fuhr, konnte die Verluste verringern. Weil im englischen Warwick die finanzierende Bank schon 1887 in die Pleite zu schlingern drohte, wurde für die »Magdeburg Tramways Company Limited« dringend ein Käufer gesucht.

1899

Für die Berliner »Union-Elektricitäts-Gesellschaft« U.E.G. eröffnete sich mit einem möglichen Kauf der M.T.C. die Chance, einen kompletten Pferdebahnbetrieb auf elektrischen Betrieb umstellen und damit den Absatz der eigenen elektrotechnischen Erzeugnisse sichern zu können. Offensichtlich machte die U.E.G. den englischen Aktionären der M.T.C. ein so unwiderstehliches Angebot, dass sie dem Verkauf ihre Zustimmung gaben.

Nach der Konzessionierung des elektrischen Straßenbahnbetriebs für Magdeburg im Mai 1899 ging die U.E.G. sofort an die Vollendung der bereits laufenden umfangreichen Bauarbeiten. Die Stadt hatte zuvor die Fusion der beiden Pferdebahngesellschaften zu einem Unternehmen zur Bedingung gemacht. Am 17. Juli 1899 fand die feierliche Eröffnungsfahrt der elektrischen Straßenbahn der neuen MSEG in Magdeburg statt – und zwar auf den Ost-West-Linien der ehemaligen »Trambahn«. So kam es, dass die ersten elektrisch betriebenen Linien auf den Werder bzw. über den Werder zum Heumarkt führten.

Im Jahre 1913 führten beachtliche vier Straßenbahnlinien auf bzw. über den Werder:

  • Linie 3: Diesdorfer Straße – Friedrichstadt
  • Linie 4: Olvenstedter Straße – Werder
  • Linie 6: Rathaus – Herrenkrug
  • Linie 8: Olvenstedter Straße – Agnetenstraße

Die Linie 8 wurde 1928 auf den Abschnitt Hauptbahnhof – Werder verkürzt und 1930 eingestellt.

Die einstige Ringlinie 7 erwies sich als unrentabel, der Abschnitt am Elbufer wurde aufgegeben. Ab 1921 verkehrte die »7« von der neuen Endschleife Buckau über Hasselbachplatz weiter auf ihrem innerstädtischen Streckenteil über Hauptbahnhof und Staatsbürgerplatz (heute Universitätsplatz) zum Werder.

In den 1930er Jahren fuhr die Linie 7 vom Hauptbahnhof über den Staatsbürgerplatz (heute Universitätsplatz) von Norden kommend auf den Werder. Das nur mit erheblichem Beschnitt erhaltene historische Foto wurde in eine heutige Ansicht der Ecke Mittelstraße/Kahnstraße montiert

Ab 1930 fuhr die »7« nur noch auf dem Abschnitt Hauptbahnhof – Werder und wurde am 31. Oktober 1939 stillgelegt. Damit endete nach 40 Jahren der elektrische Straßenbahnverkehr auf dem Werder.

Nur noch im Bereich des heutigen Strombrücken- und des Nordbrückenzuges tangieren nach wie vor Straßenbahnen den Werder – die Linien 4 und 6.

Von Ralf Kozica,  Verein IGNah e. V.
Fotos: Sammlung Ralf Kozica

 

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