Ein Jahr MVB: Meine Erlebnisse als Tramchauffeur

Es ist nun etwas mehr als ein Jahr her, dass ich die Betriebsfahrerlaubnis Straßenbahn erworben habe. Ein Jahr also Schichtdienst und Familie unter einen Hut bringen, Wochenenden und Feiertage arbeiten und vor allem: früh aufstehen. Diesen Anlass möchte ich für ein Resümee nutzen und euch an meinen persönlichen Erlebnissen und Herausforderungen im Arbeitsalltag als Straßenbahnfahrer und MVB-Mitarbeiter schildern.

Johannes Lauf
Johannes Lauf arbeitet seit über einem Jahr bei der MVB.
Familienleben und Schichtdienst

Für mich war bei der MVB alles Neuland, als ich 2019 von der Laborbank auf den Fahrerarbeitsplatz wechselte. So ziemlich alles hat sich durch diesen Jobwechsel verändert, das allermeiste natürlich zum Guten.
Da ist natürlich meine Motivation erwähnenswert, denn schon als Kind wollte ich zur MVB. Das konnte ich nun, nach einem beruflichen Umweg ins Labor, endlich umsetzen. Es gab seit dem Umstieg in die Welt der Bahnen, Busse und Fahrpläne tatsächlich noch keinen Tag, an dem ich nicht Fahren wollte. Auch im Privatleben ergab sich die ein oder andere Chance durch den, für mich neuen, Schichtdienst. Oft kann man die Lage der Schichten für private Termine nutzen, etwa bei einem Frühdienst. Dann hat man schon gegen Mittag Feierabend und kann noch schnell den Wocheneinkauf erledigen, bevor die Rush-Hour einsetzt und sich lange Schlangen an den Kassen bilden. Oft ist es dann auch so, dass ich am Nachmittag meine Kinder aus der Kita hole, während meine Frau die beiden morgens dorthin bringt. Dadurch sind wir flexibler geworden.

Herausforderungen, die einen wachsen lassen

Das vergangene Jahr war freilich kein gewöhnliches Jahr. Zwei neue Straßenbahnstrecken (nämlich über den Damaschkeplatz und durch die Raiffeisenstraße) und ein in Magdeburg bisher nicht verwendeter Straßenbahntyp (die KT4D-Bahnen aus Berlin) stellten mich immer wieder vor neue Herausforderungen, vor allem unter den Auswirkungen der bis heute andauernden Viruspandemie. Baustellenbedingt neue Fahrpläne und sich ändernde Streckenverläufe – und das teilweise auf einem noch ungewohnten Fahrzeug – fordern von mir meine volle Konzentration. Der quirlige Berufsverkehr und sommerliche Temperaturen kamen noch hinzu.

Alles in allem lassen einen solche Aufgaben natürlich wachsen. Jeder Tag im Fahrdienst der Straßenbahn ist anders, keine Schicht gleicht der anderen und jede Runde auf der Tram „fallen die Würfel neu“. Zwei Dinge, die mich im Arbeitsalltag jedoch täglich begleiten sind die Ampelschaltungen und der Individualverkehr. Diese Faktoren sind es auch, die den größten Einflussfaktor auf die eigene Konzentration haben.

Schon die zweite Runde auf der Linie mit vielen roten Ampeln?
Schon wieder eine unachtsame Person, die mit ihrem PKW vor der Tram einschert, um sogleich links abzubiegen?

Solche teils sehr stressigen Situationen bringen mich nicht mehr aus der Ruhe, denn in „meiner“ Straßenbahn sind bis zu 200 Menschen, die sicher und zuverlässig an ihr Ziel gebracht werden möchten. Diese Ruhe zu bewahren, sich einen Überblick zu verschaffen und seine Aufmerksamkeit nur auf die wirklich wichtigen Dinge zu richten, war ein Lernprozess, dem ich mich gestellt habe. Das war keineswegs immer leicht, doch inzwischen lasse ich mich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Dies kommt vor allem der Qualität im Kundendienst zugute, schließlich ist jeder Mitarbeitende im Fahrdienst ein Dienstleister und ein Stück weit auch „Aushängeschild“ für die MVB.

 

Die guten Seiten des frühen Aufstehens: Man erlebt besondere Sonnenaufgänge.
„Dankeschön!“

Dadurch erhalte ich oft positive Reaktionen unserer Kundinnen und Kunden.
Ein aufrichtiges „Danke!“, das einem durch die Sprechklappe der Kabinentür zugerufen wird, wenn man die Türen noch einmal geöffnet hat, zufriedene Fahrgäste, die aus dem Regionalbus zusteigen und sich über den gehaltenen Anschluss freuen, oder die Erleichterung in den Gesichtern der Menschen, denen man ihr verlorenes Portemonnaie oder Smartphone aushändigt, welches ich zuvor in der Straßenbahn auffand, sind die besonderen Momente, über die ich mich im Arbeitsalltag freue.
Die eben beschriebene Gelassenheit hilft mir auch gut im Umgang mit der „Magdeburger Herzlichkeit“. Damit meine ich die Art und Weise, wie einem als Mitarbeitenden der MVB von Fahrgästen teils recht unvermittelt der Unmut über Verspätung oder Umleitungen, wie etwa nach einer Streckensperrung aufgrund eines PKW im Gleis am Buckauer Bahnhof, mitgeteilt wird. So gut ich die Betroffenen verstehen kann, so unverständlich ist für mich der bisweilen schroffe und vorwurfsvolle Ton. Doch auch hier gilt: Ruhig bleiben, Überblick veschaffen und auf das Wesentliche konzentrieren. Schließlich haben die anderen Fahrgäste auch Fragen und da wäre niemandem mit einer aufgeheizten Stimmung geholfen. Straßenbahnfahrerinnen und -fahrer sind nun einmal sehr nah an den Menschen dran, aber gerade das mag ich auch an dem Beruf.

Mindestens genauso gut gefällt mir auch die Tatsache, dass ich vieles aus dem „Stadtleben“ mitbekomme. In einer Arbeitswoche ist man oft auf mehreren unterschiedlichen Linien eingesetzt und so kann man die ein oder andere Veränderung beobachten. Wo werden neue Häuser gebaut? Wie weit ist denn die Tunnelbaustelle am Damaschkeplatz?
Natürlich darf auch der Wochenmarkt mit seinen laut rufenden Gemüsehändlern oder der Weihnachtsmarkt mit seinen Düften in der Innenstadt nicht fehlen. So habe ich immer das Gefühl, Teil des Geschehens zu sein, was mich als gebürtigen Magdeburger natürlich freut.

„Du sag mal,…“

Zum Abschluss gibt es noch ein paar Fragen, die mir häufig gestellt werden und die ich hier auch gern für alle beantworten möchte. Los geht´s!

Was gefällt dir an deinem neuen Job?

Genau genommen ist es nicht mehr nur eine Tätigkeit, denn inzwischen befinde ich mich auch in einer innerbetrieblichen Weiterbildung zum Personaldisponenten. Dort kann ich dann den Kolleginnen und Kollegen in der zentralen Personaldisposition helfen, etwa, wenn ein Kollege im Urlaub ist. Darüber hinaus konnte ich vor kurzem meine Lehrfahrer-Berechtigung erlangen. So kann ich Mitarbeitenden, die gerade aus der Tram-Fahrschule kommen, beim Einstieg in den Fahrdienst-Alltag helfen.
Diese Vielseitigkeit ist es auch, die mir am meisten Spaß macht. Mit der richtigen Motivation kann man hier (bei der MVB) viele tolle Dinge erleben und hat fast immer ein eher familiäres Umfeld. Das ist eine schöne Mischung, wie ich finde.

Was war dein lustigstes Erlebnis?

Ich konnte meine Abfahrt am Barleber See nicht ganz planmäßig durchführen, weil zwei Enten im Gleis standen. Nachdem ich sie davon überzeugen konnte, die Strecke frei zu machen, verlief dann aber alles glatt. Die beiden Enten watscheln da übrigens regelmäßig herum. (Entlang des gesamten Streckennetz sieht man häufig viele unterschiedliche  Tiere, wie etwa Rehe, Füchse, Enten, Feldhasen, Fasane und Mäuse.)

Wo gehen die Straßenbahnfahrerinnen und -fahrer eigentlich aufs WC?

In jeder Fahrerkabine gibt es ein WC, praktisch, oder? Spaß beiseite, die dringlichen Geschäfte lassen sich an jeder Wendeschleife erledigen. Die MVB unterhält dazu meist sehr moderne Mitarbeiter-Waschräume.

Es empfielt sich immer, diese zu nutzen, denn man weiß ja nie, was einen auf der Strecke erwartet. „Noch zwei Minuten bis zur Wendeschleife, das ist kein Problem!“ denkt man sich und schon hinter der nächsten Kurve ist die Strecke durch einen Verkehrsunfall gesperrt. Wohl dem, der das Angebot der Bedürfnisanstalt wahrnahm, als es sich anbot.

Bis bald!
Johannes

4 Responses

  • Schön, dass es noch Fahrer gibt, die mit so viel Spaß und Freude dabei sind.
    Wünsche weiterhin allzeit gute Fahrt.
    Grüße aus Mannheim

  • Nach einem Jahr als Fahrer schon Lehrfahrer und Ausbildung zum Personaldisponenten. Alle Achtung. Das ging aber schnell.

    VG aus Schönebeck

  • Ich bin selber Tram Fahrer, zwar nicht in Magdeburg aber ich kann diese angeblich positive Einstellung den Fahrgästen gegenüber nicht nachvollziehen.

    Entweder die Fahrgäste wollen sich nach dem Türschließsignal noch reinquetschen und reißen die Türen wieder auf, obwohl sie zu Spät sind oder sie schimpfen weil man bei Abfahrtszeit nicht auf die wartet.

    Bei mir gehen die Türen auf und bleiben nach Fahrgast Wechsel zu. Mir egal wer da noch angerannt kommt. Für diese Spielereien hat man keine Zeit. Wer zu spät kommt hat Pech.

    Wird ja schließlich alles von der Wendezeit abgezogen die ohnehin schon knapp ist.

    Für mich bildet dieser Artikel den realen Fahrdienst jedenfalls in keiner Weise ab und wirkt sehr geschönt.

    • „Bei mir gehen die Türen auf und bleiben nach Fahrgast Wechsel zu. Mir egal wer da noch angerannt kommt. Für diese Spielereien hat man keine Zeit. Wer zu spät kommt hat Pech.“
      Und genau deshalb erlebst du deinen Fahrdienst anders. So wie du dich deinen Gästen gegenüber verhälst, so verläuft dein Fahrdienst. Freundlichkeit und Mitgefühl kommen zurück, Frust und Genervtsein eben auch.
      Nebenbei: du wirst für’s Befördern bezahlt, nicht für’s Stehenlassen.
      Ich fahre lieber mit einem Fahrer oder einer Fahrerin, die ihren Job gern macht.

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