Nächste Haltestelle: Hauptbahnhof Ost

Endlich war es soweit: Die Freigabe der Straßenbahnstrecke durch die Tunnelbaustelle am 27.08.2020! Nach über drei Jahren können Straßenbahnen wieder die Strecke passieren.  Dass ich mich darauf ziemlich freute, hat mehrere Gründe. Zum einen muss ich als Fahrer nun nicht mehr, gemeinsam mit den anderen Bahnen der Linien 1, 4, 5 , 6 und 10 über die Halberstädter Straße fahren (was oft problematisch war, wenn es dort beispielsweise einen Verkehrsunfall auf den Gleisen der Bahn gab), zum anderen kann ich nun als Fahrgast deutlich schneller nach Stadtfeld fahren.

Persönlich ist die Wiedereröffnung für mich etwas Besonderes, denn einer der vielen Gründe, weshalb ich zur Straßenbahn wollte, ist, dass man auf dem Platz am Sollwertgeber immer auch etwas Stadtgeschichte „erfahren“ darf.

Entsprechend nervös war ich dann am Donnerstagmorgen also, als mein Wecker mich um 2 Uhr zum Aufstehen überredete. Mein Frühdienst begann um 03.45 Uhr und, passenderweise, hielt er gleich zu Beginn eine Linie 6 für mich parat. Somit war klar, dass ich zur „Premiere“ einer der ersten Züge sein würde, die die neu gebaute Strecke in Richtung Stadtfeld befahren würde.

Den neuen Linienverlauf der „6“ hatte ich mir vor der Fahrt genau angeschaut, wenngleich ich den noch aus meiner Zeit vor den MVB vage im Gedächtnis hatte. Natürlich wurden wir Fahrerinnen und Fahrer bereits einige Wochen zuvor über die neue, alte Strecke unterrichtet, denn schließlich ist mit Blick auf die Haltestellen nun etwas grundlegend anders, als vorher. Die ehemalige Haltestelle „Damaschkeplatz“, die von vielen liebevoll „Dammi“ genannt wurde, ist verschwunden. Dafür gibt es nun eine Haltestelle unter den Bahnhofsbrücken (noch „schläft“ sie, wenn alle Bauarbeiten abgeschlossen sind wird sie „Hauptbahnhof Nord“ heißen).

Der Clou dabei: Man kann jetzt direkt von der Straßenbahn zu den Bahnsteigen des Hauptbahnhofes gelangen und umgekehrt.

Das sogar im trockenen, denn die Zwischenräume zwischen den Bahnhofsgleisen 1-6 sowie 7-9 sind mit einem Glasdach geschlossen worden.

Aber zurück zu meinen Erlebnissen: Die Stimmung unter den Kollegen auf dem Betriebshof war am Morgen merklich angespannt. Wir Fahrerinnen und Fahrer wissen selbstredend, was zu tun sein wird, dennoch bleibt immer die Ungewissheit, ob alles nach Plan laufen wird. „Ob der Boardcomputer den Linienverlauf kennt und auch die Haltestellen korrekt ansagt? Wird die Voranmeldung an den Ampeln funktionieren?“, derlei Fragen stellte ich mir Unterbewusst und war dann doch noch ein bisschen nervöser, als es dann schließlich los ging zur ersten Fahrt.

Zunächst führte mich der Fahrplan in den Herrenkrug. Dort angekommen, hatte ich einen kurzen Moment, um noch einmal in den Liniennetzplan zu schauen, der an uns Mitarbeiter im Fahrdienst verteilt wurde. „Denk dran: nach der Haltestelle City Carré nach rechts!“, rief ich mir immer wieder in Erinnerung. Dann war meine planmäßige Abfahrtszeit gekommen und so fuhr ich aus dem Herrenkrug in Richtung Diesdorf los. Bis zur Haltestelle „City Carré“ war alles, wie immer. Danach allerdings forderte die Strecke meine ganze Aufmerksamkeit. In den ersten Tagen müssen nämlich alle Weichen durch den Fahrer gestellt werden, da die Umprogrammierung der elektrischen Weichen nicht mal so eben in einer Nacht erledigt ist. Die Kollegen der Stromversorgung, die sich darum kümmern, müssen händisch jede Weichenschaltung einzeln für jede Linie neu programmieren. Ich als Fahrer muss also von meiner Fahrerkabine aus den Stellbefehl an die Weiche manuell tätigen. Dazu zeigt mir ein spezielles Signalschild in der Oberleitung an, wann ich einen der Weichen-Taster auf dem Bedienpult der Straßenbahn zu drücken habe. Dabei muss man genau wissen, wohin man fahren muss. Gar nicht so schwer, mag man nun denken, aber unter den gegebenen Umständen musste ich mich doch sehr konzentrieren. So stellte ich mir die Weiche 204 nach „rechts“, in die Hasselbachstraße zum Hauptbahnhof.

Für mich vollkommen ungewohnt ging es nun über den Willy-Brandt-Platz zur ersten, neuen Haltestelle „Hauptbahnhof Ost“. Die ersten Fahrgäste stiegen nun mit ihren Koffern aus dem Bahnhof zu mir in die Bahn. Die Türen schlossen, Abfahrbereit.

Jetzt war es also soweit. Fast drei Jahre fuhr hier keine Bahn entlang und in dem Moment war ausgerechnet ich einer der ersten, der seine Tram zu neuen Ufern steuern durfte.

Die Schranke am Baustellenanfang hob sich, mein Zug rollte langsam über die neuen Weichen, nach links unter den Bahnhofsbrücken drunter durch. Zur Sicherheit für die Bauarbeiter gilt im gesamten Abschnitt eine Höchstgeschwindigkeit von 10 km/h und so hatte ich noch einen kleinen Augenblick Zeit, die Arbeiten an den Tunnelausgängen anzuschauen. Die Schienen sahen noch vollkommen unbenutzt aus und die nagelneue Oberleitung schimmerte im Scheinwerferlicht. Besonders leise rollte mein Zug über die Kreuzung. Hier wurden nämlich wieder geräuscharme Weichen verbaut, wie man sie beispielsweise vom Südring kennt.  Überraschend schnell war die Passage nach Stadtfeld dann auch schon vollzogen. Ungefähr drei Minuten nach meiner Abfahrt am Bahnhof stand ich mit meiner Bahn an der Ersatzhaltestelle „Damaschkeplatz/ZOB“, welche bereits in der Olvenstedter Straße liegt. Von hier aus ging es dann, neu, jedoch wenig spektakulär, über den Europaring nach Diesdorf.

Damit war auch ein weiterer Pluspunkt der neuen Verbindung klar: Die kurze Reisezeit.

Statt den bisherigen 30 Minuten benötigt man mit den „Öffis“ nun lediglich rund 10 Minuten, um vom Alten Markt in der Innenstadt nach Stadtfeld zu gelangen.

Diese kurze Reisezeit probierten dann übrigens auch gleich ein paar Menschen aus. Sie stiegen auf dem Rückweg in meine Bahn und am Hauptbahnhof aus, um dann gleich in die entgegengesetzt fahrende Tram zu steigen. Offensichtlich scheint auch der ein oder andere Anwohner sehr froh über den Lückenschluss in die Innenstadt.

Hoffentlich sehen wir uns bald, auf dem kurzen Weg nach Stadtfeld mal!

Bis dahin,

Johannes.

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