Die Typenschulung Teil 2

Am nächsten Tag trafen wir uns wieder um 19 Uhr auf dem Betriebshof Nord, um die nächste Nachtschicht auf dem Tatra T6A2 zu meistern. Da sich der Wagen sehr von den anderen Fahrzeugen des Fuhrparks unterscheidet, sind für die Schulung zwei Tage angesetzt. Dass das richtig so ist, merke ich, als ich zum ersten Mal auf die Bremse trete und feststelle, dass dieser Zug völlig anders reagiert, als jener vom Vortag. Das bedeutet auch: an den ersten Haltestellen muss ich wieder üben, im richtigen Bereich zum Stehen zu kommen.

Straßenbahnen stehen auf dem Betriebshof
Nachts stehen die Straßenbahnen auf den Betriebshöfen.

Trotzdem macht es mir große Freude, den „T6“ zu fahren. Schließlich ist er einer der letzten seiner Art in Deutschland und eine kleine YouTube-Berühmtheit, gibt es doch so einige Videos nur von unseren Tatra-Bahnen.

Wenn die Wagen in ein paar Jahren aus dem Liniendienst verschwinden, werde ich vermutlich etwas traurig sein, denn dann ist das letzte Überbleibsel aus meiner Kindheit vergangen. Für unsere Fahrgäste ist das natürlich die beste Option, da der hohe und steile Einstieg weder für ältere Menschen, noch für Rollstühle und Kinderwagen wirklich geeignet ist. Aus diesem Grund fahren die Züge auch nur, wenn kein modernes Fahrzeug auf dieser Linie verfügbar ist, beispielsweise weil es in der Werkstatt steht.

Zum Ende unseres Dienstes müssen wir noch Sand auffüllen. Den verbraucht die alte Tram reichlich, da sie noch nicht so genau dosieren kann wie die neuen Bahnen. So füllen wir Eimer um Eimer in die Kästen. Eimer füllen, zum Wagen gehen, Treppe rauf, einfüllen, Treppe hinunter, zum Vorratsbehälter, Eimer wieder auffüllen – ein kleines Sportprogramm! An Tagen mit viel Laub und Nieselregen kann es vorkommen, dass man etwa 100 kg Sand (anm. d. Autors: das ist ein theoretisch möglicher Maximalwert, in der Regel füllt man etwa 1-5 kg Sand nach der Schicht) wuchten muss, einer der Nachteile der alten Bimmel. So viel Sand ist es bei uns nicht, auf gut 25 kg kommen wir trotzdem. Der oder die Kollege/in am nächsten Tag dankt es uns.

Am dritten Tag unserer Ausbildungswoche lernen wir das Zugpferd der Personenbeförderung in Magdeburg kennen, den NGT 8D.

Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich der etwas kryptisch anmutende Name „Niederflurgelenktriebwagen, 8 Achsen, Drehstrommotor“.

Damit ist für den technikaffinen Leser schon viel zum Fahrzeug gesagt. Den meisten Fahrgästen ist es wahrscheinlich total unwichtig, dass ein Wagen 32,9 Tonnen wiegt, 4 x 95 kW Leistung hat, 32 Meter lang und maximal 65 km/h schnell ist. Für sie ist vor allem eines interessant: Es handelt sich um ein fast barrierefreies Fahrzeug mit breiten Türen, großen Fenstern und sehr wenigen Stufen (nämlich genau vier im gesamten Wagen).

Ansicht eines NGT8 bei Nacht
Die Abkürzung NGT steht für Niederflurgelenktriebwagen.

Weiterer großer Pluspunkt im Vergleich zu den Tatra-Wagen ist die geringe Lautstärke während der Fahrt. Auf einem neuen Gleis mit Raseneindeckung ist sowohl im Inneren der Bahn, als auch draußen kaum wahrzunehmen, dass man fährt.

Das birgt natürlich eine Gefahr, nämlich die des „Überhört-Werdens“.

Für viele Menschen gehört es zur Normalität, sich mit Kopfhörern und Musik im Freien zu bewegen. Musik beim Sport, ein Podcast auf dem Weg zur Arbeit, etwas Netflix an der Haltestelle. Für mich als angehender Straßenbahnfahrer sorgt das immer wieder für Schreckmomente, wenn etwa am Hasselbachplatz jemand einfach vor die Bahn läuft, weil er uns wegen der Kopfhörer nicht wahrnimmt. Natürlich sehe ich diese Situationen meist kommen, dennoch muss ich im Falle eines Falles bremsen und im schlimmsten Fall stürzt jemand im Wagen. Deshalb meine Bitte: Schaut in der Nähe von Schienen kurz mal nach links und rechts. Das hilft euch und uns, gefährliche Situationen zu vermeiden.

Auch mit dem NGT unternehmen wir erste Fahrübungen zuerst auf dem Betriebshof. Vorwärts fahren, bremsen, anhalten. Dann durch den Zug nach hinten gehen. Dort befindet sich die sogenannte Rückfahreinrichtung. Von hier aus können wir die Straßenbahn rückwärts fahren. Bei fast 32 Metern Länge wäre das aus der Fahrerkabine vorn ohne Hilfe nicht möglich und ist zudem auch verboten.

Vor dem Fahrpult stehend, blicke ich auf die vielen Knöpfe und den großen, schwarzen Hebel.

„Eigentlich genau, wie vorn in der Kabine, nur in Miniatur“, schließt unser Ausbilder Steven Rausch seine Erklärung des Pultes ab. Als ich an der Reihe bin, mache ich alles genau so, wie besprochen. Einmal klingeln, dann den Hebel vorsichtig nach vorn drücken. Mit leisem Surren fährt die Tram nun rückwärts. Ich drücke den Hebel weiter nach vorn und die Bahn beschleunigt. 20 Kilometer in der Stunde kommen einem aus dieser Perspektive ziemlich schnell vor. Zum Anhalten ziehe ich den Hebel zu mir. Mit einem satten Ruck bremst der Wagen und ich muss mich schon gut festhalten, um nicht abzurutschen, als die Bahn zum Stillstand kommt.

Dann geht es hinaus auf die Streckengleise – natürlich wieder vorwärts. Der kräftige Motor ist sofort zu merken. Spielend leicht erreiche ich die 50 km/h und bin schon fast etwas zu schnell für die erste Haltestelle. „Fang ruhig eher an, zu bremsen“, rät mir unser Ausbilder. Es geht weiter mit dem Rhythmus: beschleunigen, rollen lassen, bremsen, anhalten. Nach ein paar Minuten klappt es richtig gut mit dem Treffen der Haltepunkte. Was mir gleich auffällt, ist die deutlich niedrigere Sitzposition, als im Fahrschulwagen oder dem T6 (unser Fahrschulwagen ist immerhin aus einem T6 gebaut, weshalb die Sitzposition fast identisch ist).

Im NGT sitzt man näher am Geschehen und kann in den Haltestellen auch deutlich besser auf Fahrgäste achten, die noch zur Bahn heran geeilt kommen.

Fahrerperspektive im NGT
Die Sitzposition im NGT ist deutlich niedriger als im T6.

Da wir eine Fahrschule sind, ihr könnt es euch denken, rennen viele Menschen leider vergeblich zu uns, da sie nicht auf die Zielanzeige der Bahn achten und wir müssen sie stehen lassen.

Apropos Zur-Bahn-Rennen: Wenn ihr mal spät dran seid, rennt bitte nie vorn um die Bahn herum.

An einer Haltestelle in Stadtfeld beispielsweise wollte ich gerade anfahren, da rannte eine junge Frau von links hinten kommend vor den Wagen. Mit einer Gefahrenbremsung konnte ich Schlimmeres verhindern, dennoch schien sie sich der Gefahr nicht bewusst zu sein. Grundsätzlich ist es natürlich am besten, wenn man die Bahn in der Haltestelle wartend erreicht. Manchmal schafft man das nicht und muss einen kurzen Sprint zur Bahn hinlegen, dann rennt am besten hinter der Bahn rum. Vergesst aber nicht, dass es auch noch andere Straßenbahnen gibt, die ein paar Minuten später von gleicher Stelle aus in dieselbe Richtung fahren. 😉

Fahrschule steht an der Außenanzeige desim NGT
Fahrschule im NGT

Zum Feierabend wiederholt sich die Prozedur der Vortage. Sand füllen, bei der Leitstelle abmelden, in den Betriebshof fahren, beim Betriebshofwart anmelden, Zug abstellen und alles ausmachen. Fast alles, denn die Heizung bleibt natürlich auf niedriger Stufe („Vorheizmodus“) an. Und dann endlich Feierabend. An diesem Tag hat mein Bett übrigens ziemlich laut nach mir gerufen, denn ich war sehr müde.

Wie das Fahren mit einem großen Zug (NGT mit einem Beiwagen) ist und was man in der neuesten Straßenbahngeneration für tolle Neuerungen eingebaut hat, erfahrt ihr in Teil 3 der Typenschulung.

Bis dahin!
Johannes

P.S.: Schon gewusst? Bei den Magdeburger Verkehrsbetrieben gibt es insgesamt 83 Züge vom Typ NGT. In den Städten Braunschweig, Darmstadt und Gera fahren Straßenbahnen, die denen hier in Magdeburg sehr ähnlich sind. Einfach ausgedrückt sind es „Geschwister“, die sich vor allem in der Breite und Länge der Wagenkästen sowie in der Leistung unterscheiden.

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