Altes Eisen oder neues Blech? Wann die Tatra-Bahnen fahren..

Die einen lieben sie, da sie einen Hauch Nostalgie versprühen und Erinnerungen aus alten Tagen erwecken, die anderen hassen sie: Die Rede ist von den Tatra-Straßenbahnen. Also jene Bahnen, die über keinen ebenerdigen Einstieg verfügen. Noch sind sie aus dem Magdeburger Stadtbild nicht wegzudenken, da sie im täglichen Betrieb gebraucht werden. Doch so viele sind es gar nicht, wie man meinen könnte. Man muss schon Glück haben, auf eine zu treffen. Aber manchmal hat man eben besonders viel „Glück“. Woran man bereits im Vorfeld erkennt, ob eine Tatrabahn kommt und warum die MVB sie überhaupt einsetzt, erkläre ich euch in diesem Beitrag.

Der Straßenbahnfuhrpark der MVB

Erstmal kommen die Fakten auf den Tisch: Die MVB besitzt 83 moderne Niederflurstraßenbahnen, die das Rückgrat der Fahrzeugflotte bilden. Die ersten Bahnen kamen 1994 nach Magdeburg. Die letzte Lieferung dieses Fahrzeugtyps erhielt die MVB im Jahr 2012. Seit dem haben die Züge viele Millionen Kilometer zurückgelegt.

Dazu kommen 3 Straßenbahnzüge (bestehend aus vier Triebwagen und zwei Beiwagen) vom Typ Tatra mit der Typenbezeichnung T6. Das sind die bekannten eckigen Bahnen, die seit der Wende, also 1989 und 1990, in Magdeburg fahren. Im Jahr 2020 beschaffte die MVB zusätzlich zu diesen Fahrzeugen noch acht gebrauchte Tatra-Wagen vom Typ KT4D von den Berliner Verkehrsbetrieben. Warum, dazu später mehr. Das sind die ebenfalls eckigen Fahrzeuge, die aber mit einem Gelenk in der Mitte verbunden sind. Diese acht Wagen werden hauptsächlich zu Zweit zusammengekuppelt und bilden so vier Züge. So hat die MVB also sieben Tatrazüge im Fuhrpark.

Wann sehe ich, ob eine Hochflurbahn kommt?

Im Fahrplan ist gekennzeichnet, wann eine Hochflurbahn, also eine Tatrabahn, zum Einsatz kommen kann. Im Aushangfahrplan, wie er an der Haltestelle zu finden ist, ist die entsprechende Fahrt mit einem „T“ gekennzeichnet. Auch in der elektronischen Fahrplanauskunft, wie etwa auf der Website der MVB oder in der INSA-App, ist der Einsatz ausgezeichnet. In den Fahrtdetails steht dann „Fahrzeug ohne niederflurigen Einstieg geplant“.

So könnt ihr euch also drauf einstellen, dass eine Bahn ohne ebenerdigen Einstieg kommen könnte. Ja, könnte. Plan und Wirklichkeit liegen manchmal auseinander – wer kennt das nicht. Aktuell sind auf den Linien 1, 2, 3, 4, 5 , 6, 10 und 13 einzelne Fahrten mit einem „T“ gekennzeichnet. Das muss aber nicht heißen, das wirklich auf jeder dieser Fahrten auch eine Tatrabahn zum Einsatz kommt. Daher das „könnte“. Auf den anderen Linien sollten keine alten Bahnen fahren, das wäre dann wirklich eine Seltenheit und besonderen Umständen geschuldet.

Alle zwei Stunden könnte auf der Linie 4 eine alte Bahn kommen.

Wie plant die MVB den Einsatz der alten Bahnen?

Jeden Tag sind in der Spitze bis zu 74 Straßenbahnen auf den 10 Linien gleichzeitig im Netz unterwegs, um euch von A nach B zu bringen. Jetzt könnte man meinen: 74 Bahnen im Einsatz, 83 Niederflurbahnen vorhanden. Warum braucht es da noch die Tatra-Bahnen? Ganz einfach: Von den 83 Niederflurbahnen sind nicht immer alle verfügbar. Eine gewisse Anzahl ist turnusmäßig in der Hauptuntersuchung – dem TÜV für Bahnen (siehe dazu unseren Blog-Artikel). Andere wiederum sind kurzfristig zur Reparatur und wiederum andere könnten im Depot stehen, weil sie einen Unfall hatten. Gleiches gilt übrigens auch für die Tatrabahnen, auch diese werden gewartet und stehen nicht immer zur Verfügung. Daher braucht man also mehr Fahrzeuge, als man einsetzt.

Laut Fahrplan könnten täglich 10 Kurse (so nennt man einen Zug im Umlauf auf einer Linie) mit einer Tatrabahn gefahren werden. 64 Kurse also generell mit einer Niederflurbahn. Wem jetzt vor lauter Zahlen noch nicht schwindelig ist, den gebe ich jetzt noch folgende Denksportaufgabe mit: 10 Kurse sind für Tatrabahnen vorgesehen, dabei hat die MVB doch nur 7 Tatrazüge zur Verfügung?! Richtig: Im Fahrplan sind mehr Hochflureinsätze gekennzeichnet, als überhaupt möglich sind. Dies wurde gemacht, um in der Fahrzeugeinsatzplanung flexibel bleiben zu können, denn morgens, wenn die Züge aus den Depots rollen, kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren.  Wenn aber genügend Niederflurbahnen im Depot zur Verfügung stehen, weil etwa alle planmäßigen Reparaturen abgeschlossen sind oder es keine Unfälle gab, kommen auch die modernen Bahnen zum Einsatz. Somit sind dann nicht alle 7 Tatrazüge unterwegs. Ihr seht also: Zwar sind die Einsätze der Tatrabahnen im Fahrplan gekennzeichnet, es kann aber vorkommen, dass statt einer Tatrabahn eine moderne Niederflurbahn kommt. Eine positive Überraschung also.

Warum braucht die MVB so viele Tatrabahnen?

Die Tatrabahnen sind eine zusätzliche Betriebsreserve. Durch Baustellen im Stadtgebiet müssen auf vielen Linien Umleitungen gefahren werden, die zur Folge haben, dass mehr Fahrzeuge eingesetzt werden müssen. So sind für die Umfahrung der Strombrückenbaustelle allein auf der Linie 4 täglich zwei zusätzliche Züge notwendig. Selbst kleine Umleitungen, wie die Umfahrung des City Carrés am Hauptbahnhof wegen der Tunnelbaustelle, kosten auf mancher Linie einen ganzen Zug mehr pro Tag.

Um auf diese Baustellensituationen im Stadtgebiet besser reagieren zu können, hat die MVB die KT4D-Bahnen aus Berlin beschafft. Dies waren die einzigen Straßenbahnen, die kurzfristig zur Verfügung standen und zum Magdeburger Netz passten.

Kommen auch neue Bahnen?

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Die Zeit der Tatras läuft ab. Die MVB hat beim Straßenbahnhersteller Alstom 35 neue Niederflurstraßenbahnen der neuesten Generation geordert. Schon in wenigen Jahren sollen diese, extra für Magdeburg auf Maß angefertigten Züge, die Flotte der MVB modernisieren. Dann heißt es, endgültig Abschied nehmen von den eisernen Kolossen aus tschechischer Produktion.

 

Bis zum nächsten Mal,
euer Tim.

6 Responses

    • Ich find’s gut, dass die alten Züge noch im Einsatz sind, zeigt es doch auch die Langlebigkeit der Konstruktion.
      Und mal ganz ehrlich, die möglichen Einsätze sind im Fahrplan gekennzeichnet, wer aus persönlichen Gründen nicht mitfahren kann oder möchte, kann sich doch entsprechend orientieren.
      Besser ein Oldtimer als ein Fahrtausfall.

      In anderen Städten mussten alte Bahnen reaktiviert werden und erfreuen sich dort großer Beliebtheit.

  • Ala alter Mensch fühle ich mich diskriminiert wenn so eine T-Bahn kommt die ich nicht nutzen kann. Bei etlichen Haltestellen habe ich schon aus gesundheitlichen Gründen Probleme die Bahn zu verlassen. Mit der T-Bahn ist das unmöglich ebenso das Einsteigen. So bin ich gezwungen die nächste Bahn abzuwarten. Das alles bei diesen Preisen die schon nicht weit entfernt sind von Taxipreisen.

  • Die Tatrabahnen stören uns nicht.Ich kann noch nicht einmal sagen ob ich es mir nur einbilde,mir kommen sie im Innenraum großräumiger vor. Ein Problem ist natürlich das Ein -und Aussteigen
    für ältere, Behinderte und Müttern mit Kinderwagen.Zu DDR Zeiten waren die Fahrgäste noch hilfreich ,heute schaut man lieber weck .Ein kleine Frage bzw. Anliegen habe ich noch.Wir benutzen Hauptsächlich die Linie 2 und dort wäre es sehr förderlich wenn man mehr ebenerdige Ein- Ausstiege schaffen würde.Zumindesten dort wo Ärztehäuser und Einkaufsmöglichkeiten vorhanden sind.Im übrigen wird dieser Wohnbereich viel von älteren Menschen und und Muttis mit Kleinkindern immer mehr bevorzugt.Denn es handelt sich um Stadtrandgebiet welches ruhiges und bezahlbaren wohnen verbindet.Auch modernisierter Wohnraum ist dort immer noch Bezahlbar vorhanden oder wird neu geschaffen.Also ran und es wäre schön wenn sie dies in späteren Planungen berücksichtigen würden

  • Die Tatra-Bahnen stören uns noch nicht. Die hohen Einstiege bewältigen wir, 86 und 79 Jahre alt, leidlich gut. Ein anderes Problem bewegt uns mehr. Die neue Linienführung der „9“ über die O.-v.-G.-Straße. An der Leipziger Str. wohnend haben wir keine Möglichkeit ohne umzusteigen den Breiten Weg zu erreichen. Arztpraxen, Domplatz, Bankfilialen, Einkaufsmöglichkeiten im Alleecenter etc. Als Älterer am Hassel umzusteigen grenzt für Viele schon an Abenteuer. (Rollatoren oder gar Rollstühle sind keine Seltenheit) nun fahren die „3“ u. die „9“ Richtung Hauptbahnhof. Was ist mit der „1“ die doch lt. künftigen Fahrplänen 20+ von der Leipziger Chaussee in Richtung Norden über den Breiten Weg fahren soll? Dann wäre die Leipziger Str. nicht mehr abgehängt. Nur halbherzig ändern? Das meiste lässt sich doch bereits jetzt ändern, auch wenn die 2. Nord- Süd Verbindung noch nicht vollendet ist. Übrigens: Wir sind Besitzer einer Abo -Monatskarte, haben ohne zu murren über zwei Corona- Sommer immer bezahlt obwohl wir viel Fahrrad gefahren sind und sind enttäuscht. Nebenbei gesagt, über die neue tolle (und doch sehr teure) Trasse Wiener- Raiffeisenstraße fahren am Wochenende stündlich drei Bahnen in jede Richtung. Viele freundliche Grüße, bin schon seit ewigen Zeiten ein Fan der Magdeburger Straßenbahn und möchte es auch bleiben.

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