Die Typenschulung Teil 1

Es sind nun schon ein paar Wochen vergangen, seitdem ich zum ersten Mal eine Straßenbahn selbst fuhr. Inzwischen bin ich mit dem Umgang des Fahrschulwagens vertraut, ich kenne unser Streckennetz ganz grob und, das hätte ich selbst nicht gedacht: ich kann fast alle Straßenbahnhaltestellen auswendig.

Bevor also Langeweile aufkommt (Anm. d. Autors: Das ist ironisch gemeint! ;), ist es Zeit, sich mit den Straßenbahnen zu befassen, die einem dann nach der Ausbildung auch im täglichen Dienst auf der Linie begegnen. Das nennt sich Typenschulung und dient im Wesentlichen dazu, uns Fahranwärter mit den Fahrzeugtypen bekannt zu machen. Dabei sehen und fahren wir alles, was aktuell noch im Liniendienst unterwegs ist. Sehr zu meiner Freude bedeutet das auch, den alten Hochflurwagen-Typ Tatra T6A2 fahren zu dürfen. In diesen bin ich schon als Kind sehr gern mitgefahren, waren sie doch viel seltener, als die Tatras vom Typ T4D (die mit der runden Fahrzeugfront) und vor allem leiser.

Außenansicht des T6A2 bei Nacht
Außenansicht des T6A2 bei Nacht

Am ersten Tag der Ausbildungswoche treffen wir uns um 19 Uhr auf dem Betriebshof Nord in Rothensee. Es ist ziemlich kalt und auf dem Gras glitzert der Raureif im Licht der Laternen. Vor dem kalten Wind flüchte ich mich in das Gebäude des Betriebshofwarts, das übrigens rund um die Uhr besetzt ist. Auf den vielen Bildschirmen werden alle wichtigen Infos angezeigt, die der oder die Kollege/in im Dienst benötigt. Der Betriebshofwart ist ein echter Tausendsassa, denn seine Aufgabe besteht darin, die Schnittstelle zwischen Fahrdienst und Werkstatt zu sein. Unter anderem plant er die nächtliche Aufstellung der Züge im Depot für den nächsten Tag, behält die Durchsichtstermine aller Straßenbahnen im Auge und hilft bei Problemen weiter. Außerdem landen hier alle Fundsachen, die in den Bahnen zurückgelassen wurden. Das sind jetzt im Winter vor allem Handschuhe, Mützen, Schals, aber auch Kleingeld und Kugelschreiber. Am nächsten Morgen werden diese dann abgeholt und ins Fundbüro der MVB gebracht.

„Euer Zug steht auf Gleis 9!“ sagt uns Mario Gordziel, der seit kurzem nach einer internen Weiterbildung auch Betriebhofwart ist. Zuvor war er im Fahrdienst tätig und durch ihn bin ich auch auf das Thema Straßenbahnfahren aufmerksam geworden. „Viel Spaß euch und eine ruhige Nacht!“ wünscht er uns und wir verschwinden, bepackt mit „Fahrschule“-Schildern und einem Hocker, in die kalte Dunkelheit des Betriebshofes. Nach ein paar Dutzend Metern stehen wir vor der Falttür einer alten Tatra-Straßenbahn. Ein dezentes, aber beständiges Summen sagt meinen Ohren, dass die Bahn eingeschaltet und beheizt ist. Die Niederflurbahnen parken auf dem Betriebshof übrigens meistens im „Vorheizmodus“, vor allem im Winter. Zum einen wäre es für die Fahrgäste morgens sehr frostig im Wagen und zum anderen kann auch bei einer Tram mal die Batterie leer sein. Beim Vorheizmodus steht die Bahn sozusagen auf „Stand-by“ und wird leicht geheizt. Das Anschalten bzw. Aufrüsten der Bahn dauert aber auch in diesem Modus seine Zeit.

Doch zurück zur alten Dame, der Tatra T6A2. Über einen versteckten Knopf öffnet unser Ausbilder die Tür der Bahn und wir klettern die drei Stufen hinein und hinauf. Der Charme der Innenausstattung erinnert mich an meine Kindheit. Geriffelter Fußbodenbelag aus Gummi, Schalensitze, Dachluken und die urigen orangefarbenen Warnglocken an der Tür sorgen für ein leichtes Nostalgiegefühl.

T6 Fahrerarbeitsplatz
Der Fahrerarbeitsplatz im T6A2.

Nach einer kurzen Einführung zum Fahrzeug dürfen wir selbst ran. Die Tatrawagen werden, im Gegensatz zu den neuen Bahnen, mit den Füßen gefahren, ähnlich wie beim Auto. So hat man auf den ersten Metern gut damit zu tun, die richtige Kraft zum Drücken der Pedale herauszufinden. Einmal zu fest in die Bremse getreten, macht der Wagen eine Gefahrenbremsung, bei der es laut klingelt, der Sand vor die Räder gestreut und die Magnetschienenbremse angezogen wird. Man steht also ziemlich abrupt und die Kollegen dann gleich neben einem in der Kabine, angetrieben von dem Ruck der Bremsung.

Nachdem jeder das richtige Mittelmaß gefunden hat, wagen wir uns aus dem Betriebshof raus in die Stadt. In den ersten Haltestellen habe ich genug zu tun, mich an die doch sehr ungewohnte Fahrdynamik zu gewöhnen und verpasse meine Haltepunkte. Übung macht den Meister, heißt es so schön und so drehe ich meine Runden durch die Nacht. An jeder Endstelle wird zwischen den Fahrschülern gewechselt, sodass jeder einmal in den Genuss kommen darf, einen der letzten Tatra T6A2 in Deutschland zu fahren.

Mit Fortschreiten der Nacht werden auch die Straßen leerer. An den Haltestellen stehen wenige Menschen und einige sind etwas betrunken. So halten wir zwar, öffnen aber die Türen nicht, damit niemand versehentlich einsteigt. Unsere Bahn düst um zwei Uhr morgens vorbei an dunklen Fenstern, zugeparkten Straßenrändern, Weihnachtsbeleuchtungen und in der Innensadt natürlich auch an der Magdeburger Lichterwelt, die einem bei jeder Vorbeifahrt Freude bereitet.

Magdeburger Weihnachtsbeleuchtung aus Sicht des Straßenbahnfahrers
Die Magdeburger Lichterwelt aus der Perspektive des Fahrer-Arbeitsplatzes

Kurz vor unserer Einfahrt zum Betriebshof werden wir jedoch gestoppt. Ein Rettungseinsatz. Der RTW steht auf der Straße in unserem Gleis. Warnblinklicht, geschlossene Türen und ausgeschaltetes Licht geben uns zu vermuten, dass der Einsatz im Wohnhaus nebenan stattfindet und wir uns auf etwas Wartezeit einstellen müssen. So stehen wir also morgens um halb drei auf der menschenleeren Straße und warten.

Hier wird einer der wenigen Nachteile der Straßenbahn deutlich: Versperrt etwas das Gleis, kann man nicht weiterfahren. Ein Bus hingegen könnte einfach daran vorbeigelangen. So kann es leicht passieren, dass ein Pkw den kompletten Straßenbahnverkehr lahmlegt, weil er zu dicht an den Schienen steht. Das kommt leider sehr oft vor, wenn Menschen ihr Auto parken, um „nur schnell“ zur Bank oder zum Bäcker zu gehen. Dann warten unter Umständen 225 Menschen (so viele Menschen passen in einen NGT!), weil einer unaufmerksam war.

In unserem Fall geht der Rettungseinsatz natürlich vor und wir nicht voran. Glücklicherweise kam dann zeitnah einer der Sanitäter aus dem Gebäude und machte uns den Weg frei. So erreichten wir kurz vor drei Uhr morgens wieder den Betriebshof Nord.

Inzwischen ist alles auf dem Betriebshof mit einer dicken Schicht Raureif überzogen. Am Tor halten wir unseren Zug an. Einer steigt aus und geht zum Telefon, um uns anzumelden. Der Betriebshofwart am anderen Ende der Leitung teilt uns nun ein Gleis zu, auf dem wir unseren Wagen abstellen können. Dort angekommen, versetzen wir die Straßenbahn wieder in ihren leichten Schlaf, in dem wir sie vorfanden. Licht aus, Tür zu, Feierabend.

Bis dahin, Johannes.

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